Spitzenweine mit Drehverschluss – Sakrileg oder Segen?

Die Einen mutmaßen ökologische Motive, die Anderen fürchten schlicht um Qualität. Fakt ist, eines hat ein so abgefüllter Wein niemals: Korkschmecker!

Von Lothar Janus


Wir werden es vermissen: das typische „Plopp!“, das einen gemütlichen Abend mit Freunden eingeleitet hat. Das dem ersten Gang eines romantischen Dinners vorausging. Adieu du wohlvertrauter, Klang. Immer mehr hochwertige Tropfen haben die Stirn, dem Genießer mit Schraubverschlüssen zu begegnen. Ist das die Zukunft? Und: wollen wir das?

Bedenken beim Verbraucher
„Die Korkeichen werden gnadenlos ausgebeutet und vernichtet. Dafür verzichte ich gern auf Romantik.“ Argumentierte neulich ein Kunde im Depot. Das ist so nicht ganz richtig. In Wirklichkeit profitieren die Kulturlandschaften in Südspanien und -portugal von der intensiven Nutzung. Fachleute gehen davon aus, dass die zunehmende Umstellung auf alternative Flaschenverschlüsse zu einem Rückgang der Korkeichenbestände führen könnte. Und damit der Artenvielfalt schadet. Ökologische Aspekte allein können also nicht für diesen Trend verantwortlich sein. Vielleicht die Kostenersparnis? Lange Zeit wurden aus diesem Grund vor allem einfachste Supermarktweine mit „Limonadenverschluss“ versehen. Erst Anfang der 2000er Jahre begannen die ersten Winzer, auch ihre hochwertigen Erzeugnisse systematisch auf Drehverschluss umzustellen. Und zwar wegen einer sichereren Weinqualität! Wie bitte?

Mythen der Weinwelt entzaubert
Weine können verschiedene, so genannte „Fehler“ aufweisen. Einer davon ist der sogenannte Korkschmecker. Schätzungsweise jede zehnte Flasche ist betroffen. Trichloranisol (TCA) ist die chemische Substanz, die ihn auslöst. „Der Wein muss durch den Korken atmen, um gut zu reifen.“ Solange sich dieses moderne Märchen bei den Weintrinkern hält, werden sich diese auch mit dem Korkschmecker abfinden müssen. Nicht umsonst wurden in der Vergangenheit besonders die Flaschen zusätzlich mit Siegellack verschlossen, die für eine lange Lagerung und Reife gedacht waren. Man wollte einen Sauerstoffaustausch verhindern. Und wie wunderbar haben sich solche Tropfen entwickelt! Zumindest von dieser bösen Überraschung, die der erwartungsvollen „Geburt“ (dem Entkorken der zum Teil teuer erworbenen Edelflasche) mitunter folgte, könnten wir uns in Zukunft verabschieden. Wie sieht es aber mit der Lagerfähigkeit von Drehverschluss-Weinen aus? Ein Argument dagegen ist die vermeintlich mangelnde Mög-lichkeit der Reife in der Flasche. Weine in Drehverschlussflaschen werden heutzutage vor der Abfüllung jedoch längere Zeit in Holzfässern gelagert und erst deutlich später als zuvor abgefüllt. Die „Flaschenreife“ ist auch ohne Korken möglich, läuft aber wesentlich langsamer ab. Das Ergebnis ist – bei ausreichend langer Lagerung – ein in Ruhe gereifter Wein mit deutlich klareren Geschmacksstrukturen. In nachweisbar sicherer Qualität. Eindeutig also: pro Drehverschluss?

Entwarnung für Romantiker
Die Zukunft ist weder schwarz noch weiß. Da ist sich die Weinwirtschaft einig. Es wird ein Nebeneinander von Kork- und Schraubverschlüssen geben. Pragmatismus soll nicht gegen Romantik ausgespielt werden. Außerdem können, wie eingangs erwähnt, jede Menge anderer „Weinfehler“ aus unterschiedlichen biochemischen Gründen auftreten. Unabhängig von jeder Verschlussfrage.

Der Wein lebt!
Wein bleibt ein lebendiger Organismus, der sich (von vornherein und im Laufe der Zeit) entwickelt. Dazu gehören nun einmal auch kleine „Krankheiten“. Das wird sich – will man ihn in seiner Vielfalt genießen – auch nie ganz vermeiden lassen.
Ohnehin ist Geschmack über jede chemische Analyse erhaben. Es gibt Sommeliers, die einen (nachweisbaren) Korkschmecker nie bemerken. Weil die vordergründigen Aromen ihn verdecken und er womöglich noch eine als raffiniert empfundene Note hinzufügt. Beim Käse fragt auch niemand, ab welcher Bakterienmenge er als „kontaminiert“ zu gelten hat. Außer vielleicht die EU.

Der Verbraucher entscheidet
So bleibt die Entscheidung, und das ist die gute Nachricht, dem Verbraucher überlassen: Korkverschlüsse mit „Plopp!“ und zehnprozentiger Korkschmeckergefahr oder ein unromantisches „Knack!“. Für die Korkeichenwälder wird sich Dank engagierter Umweltschutzbemühungen hoffentlich nichts ändern.

Lothar Janus
Weinkenner und Inhaber von 4 Jacques´ Weindepots in Leipzig engagiert sich seit Jahren für die Weinkultur in seiner Heimat.
www.jaques.de
Die besonderen Öffnungszeiten:
Mo – Do 15.00 – 19.00 Uhr
Fr 14.00 – 20.00 Uhr
Sa 10.00 – 15.00 Uhr

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